Betrachtungen eines Rahmenmachers
Ein Rahmen? Ja, ein Rahmen! Ein einfacher, schwarzer Rahmen? Kein Profil, kein Gold? Nur Nadelholz, nicht einmal Ebenholz? Das soll etwas Besonderes sein? Ja, so ist es! Auch deshalb, weil er für eine Grenzüberschreitung steht.
Die Expressionisten, allen voran die Mitglieder der Künstlergruppe Die Brücke, setzten sich intensiv mit Rahmen auseinander. Die konzeptionelle Trennung von Bild und Rahmen – hier die hehre Kunst, dort das dienende Handwerk – erschien ihnen überholt. Für sie formten Bild und Rahmen eine kompositorische Einheit. Ihr Aufbegehren gegen den Mief der wilhelminischen Epoche zeigte sich also nicht nur in der Malerei, sondern fast selbstverständlich auch in den Rahmen und in der Überwindung dieser Demarkationslinie. Kann man sich einen größeren Affront gegen die goldenen, neobarocken Stuckmonster des Historismus vorstellen?
Erich Heckels großformatiges Gemälde Gläserner Tag (Badende im Meer), ein Hauptwerk des Expressionismus, entstand im Sommer 1913 in Osterholz an der Flensburger Förde. Zweifellos gab Heckel diesem Bild einen Bretterrahmen. In diesem Schicksalsjahr, die Brücke löste sich auf, arbeitete Ernst Ludwig Kirchner quasi zeitgleich an der Ostsee und rahmte seine Bilder ebenfalls in Bretterrahmen. Er lehnte sie an den Leuchtturm Staberhuk auf Fehmarn, um auch die Rahmen fotografisch zu dokumentieren.
Die Abkehr vom Ornament lag in der Luft. Erst ein Jahr zuvor war in Wien das Looshaus eröffnet worden, eines der bedeutendsten Gebäude der frühen Moderne. Allerdings musste der Architekt Adolf Loos noch ein Zugeständnis an die „unanständige Nacktheit“ in Form von Blumenkästen machen. Die Wiener Moderne war noch nicht überall angekommen. Heckel und Kirchner hatten beide Architektur studiert. Daher rührt sicher ihr interdisziplinäres Verständnis für Konstruktion und Proportion. Wien, Osterholz und Fehmarn waren in Sachen Ornamentlosigkeit nur einen Katzensprung voneinander entfernt.
Kirchner brachte es auf den Punkt: „Ich will die Bilder nur in einfachen Bretterrahmen“. Schlichte Bretter, sonst nichts. Auf Stoß, nicht einmal auf Gehrung. Auch die Eckverbindung sollte bei den breiten, flachen Profilen möglichst einfach und schlicht sein. Diese Bretter sind kaum einen Zentimeter dick. Einzig rückseitig aufgenagelte Holzrechtecke stabilisieren den Rahmen. Keine Schräge oder gar eine Kehle, um Tiefe zu suggerieren, wie es bis dahin bei Landschaftsgemälden üblich war. Das Bild braucht keine Tiefe, der Rahmen ebenso wenig. Später würde Kirchner die Grenzüberschreitung noch weiter treiben, indem seine Pinselstriche die Leinwand verlassen, er sie mal gestisch-expressiv, mal in kuriosen Schnörkeln auf den Rahmen setzt.
Fraglos waren diese Rahmen umstritten. Umso erstaunlicher ist es, dass sich Heckels auf den ersten Blick so einfacher Rahmen bis heute erhalten hat.
1916 wurde Heinrich Kirchhoff der erste Besitzer des Gläsernen Tags. Der Wiesbadener Mäzen besaß eine bedeutende Kunstsammlung. Folgender Ausspruch von ihm hat sich erhalten: „Ich weiß genau, was Kunst und was Scheißdreck ist.“ Es scheint, als habe er den Rahmen eindeutig der Kunst zugeordnet.
Wohl schon 1935 erwarb der Brücke-Sammler Markus Kruss das Bild samt Originalrahmen. Die Pinakotheken sind seit 1977 erst die dritte Station (Erbgänge nicht mitgerechnet). Und das Gemälde besitzt nach über hundert Jahren immer noch seinen originalen Rahmen. Ein Glücksfall. Die Pinakotheken und wir als Besuchende können uns glücklich schätzen, dass mit dem Vermächtnis der Sammlung Martha und Markus Kruss nicht nur hochkarätige Gemälde des deutschen Expressionismus der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, sondern diese zudem oft noch mit ihren originalen Rahmen verbunden sind. Eine Seltenheit in Museen!
Der Gläserne Tag darf heute – wie auch Albrecht Dürers Selbstbildnis im Pelzrock – nicht mehr ausgeliehen werden. Nutzen Sie also bei Ihrem nächsten Besuch der Pinakothek der Moderne die einmalige Gelegenheit, den so schlichten Originalrahmen, natürlich im perfekten Zusammenspiel mit dem Gemälde, in einem neuen Licht zu sehen.
Werner Murrer
WERNER MURRER ist Gründer von WERNER MURRER RAHMEN sowie Kurator der Ausstellungen UNZERTRENNLICH. Rahmen und Bilder der Brücke-Künstler (2019) und WIEDERENTDECKT & WIEDERVEREINT. Rahmen und Bilder von Ernst Ludwig Kirchner im Buchheim Museum Bernried (bis 12. Januar 2025). Letztgenannte Ausstellung ist vom 9. Februar bis 4. Mai 2025 im Kirchner Museum Davos zu sehen.
Quelle: Magazin PARCOURS, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, 2025